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Die drei Grazien: In Leiden, Delft und Gouda lebt ein verloren geglaubtes Stück Holland

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Als Kind hat Cees Kroon auf den Weiden vor den Toren von Gouda noch  Fußball gespielt. „Heute macht das niemand mehr“, seufzt der 75-Jährige. Aus den einst so malerischen Niederlanden ist ein hoch entwickelter Industriestaat geworden.  Wo noch vor zwei Generationen grüne Wiesen waren, wird heute fast jeder Quadratmeter  genutzt.

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Kroon aber hat sich sein Stück „altes Holland“ gesichert. Vor 16 Jahren hat er seinen Job als Kaufmann an den Nagel gehängt. Seitdem ist er offizieller Leiter des Käsemarkts von Gouda. Leidenschaftlich feilscht er vor dem gotischen Rathaus mit Tom van Elst um Cents. Der Bauer verlangt 4,55 Euro für ein Kilo „Graskaas“.

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Kroon aber bietet nur 4,51 Euro für den erst sieben Wochen alten Käse. „Nimm an, oder Du siehst nur noch meinen Rücken“, droht er. Bei 1500 Kilo sind halt auch Cents kein Kleinkram.

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Nach fünf Minuten einigen sich die beiden in der Mitte. „Wir sind ja Holländer“, sagt Kroon. „Sparsam. Aber erfolgreiche Kaufleute. Seit Jahrhunderten.“ Während sich die Herren weitere Wortgefechte liefern, flaniert eine auffallend jugendliche Frau Antje auf dem Marktplatz umher. Unter dem rechten Arm trägt sie ein zwölf Kilo schweres Käserad. Allerlei Statisten vervollständigen das Ensemble, das zehn Mal pro Jahr die Touristen erfreut. „Ob das alles echt ist?“ Kroon überlegt eine Weile. Dann sagt er: „Nun, wir könnten uns darauf verständigen, dass sich alles so abspielen könnte.“ Wenn nicht die hygienischen Vorschriften so streng wären, dass Käse nunmehr fast ausschließlich industriell hergestellt wird, und nicht mehr vom Bauern, der mit unpasteurisierter aber dafür geschmacksintensiverer Milch arbeitet. Letztlich aber sei das unwichtig: „Fest steht, dass dieser Markt bei den Menschen Emotionen weckt.“

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Keine 30 Kilometer weiter nordwestlich pflegt Michelle in ihrem Garten die Hortensien. Die 28-Jährige wohnt mit ihrem Freund in einem winzigen Häuschen, das mit elf baugleichen Wohneinheiten eine Gartenparzelle umschließt.

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Auch die Doktorandin hat ihren ganz persönlichen Flecken gefunden, an dem die Zeit spurlos vorbeigegangen ist: Sie wohnt im Loridans-Hofje, einer jener unwirklich schönen Hofanlagen, die in den Niederlanden des 17. Jahrhundert als Vorläufer der heutigen Altersheime eingeführt wurden.

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Durch ein Portal mit dunkelgrüner Holztür ist die Anlage vom Rest Leidens abgeschottet. Im goldenen Jahrhundert lebten in diesem Kleinod bedürftige Frauen, die es einer wachsenden Zahl von Wohltätern verdankten, dass sie nicht der Armut ausgesetzt waren. Heute gehört das Anwesen dem Studentenwerk. Ebenso wie fünf weitere „Hofjes“.

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Die Bewohner der Refugien fühlen sich mit Recht wie Auserwählte. 530 Euro pro Monat zahlen Michelle und ihr Freund für das Häuschen. „Es sind zwar nur 50 Quadratmeter, aber die Lage und die Ruhe sind wunderbar.“ Schließlich ist Leiden eine pulsierende Studentenstadt. Ein Gesamtkunstwerk mit Grachten, Giebelhäusern und Gassen voller unabhängiger Geschäfte.

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Abermals 30 Kilometer weiter südlich arbeitet Sietske van Opzeeland aktiv an der Verbreitung altholländischer Ikonen. In fünf Metern Entfernung zu einer blauweißen Replik von Rembrandts Nachtwache taucht die Malerin ihren Pinsel in eine Farbschatulle. Dabei kann sie ein wenig Melancholie nicht verhehlen: „Seit dem Bankencrash“, klagt sie, „kaufen die Kunden hier kaum noch etwas.“

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Van Opzeeland arbeitet in „De Porceleyne Fles“, einer am Stadtrand von Delft gelegenen Manufaktur, wo seit 1653 jenes Porzellan hergestellt wird, das den Namen der 100.000-Einwohnerstadt in aller Welt bekannt gemacht hat. Ob ihr Handwerk in Zeiten billiger Imitate aus Asien noch eine Zukunft hat, vermag sie nicht zu beurteilen. Die Touristen aus Japan und den USA, die in Delft sonst für volle Kassen sorgten, bleiben der Vorzeigefabrik zwar nicht fern. Doch auf kostspielige Souvenirs verzichten die meisten.

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Auch wenn sich das Konsumverhalten seiner Besucher noch so sehr verändern mag, verkörpert Delft das Holland-Bild unseres kollektiven Gedächtnisses wie kaum ein anderer Ort: Mit seinen schiefen Häuschen an den Kanälen.

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Mit den Ponton-Booten im Wasser, die im Sommer zu Biergärten werden. Mit der mittelalterlichen Architektur und Landmarken wie der Oude Kerk, deren Turm sich dermaßen melodramatisch nach Westen beugt, dass man ihn persönlich festhalten möchte.

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Gegen die Vormacht der größten Städte des Landes kamen Gouda, Leiden und Delft im 20. Jahrhundert nicht mehr an. Dafür haben sie jene Intimität behalten, die andernorts in der Urbanität versunken ist: Auf den Grachten von Leiden, die nach Amsterdam das zweitgrößte Wasserstraßennetz des Landes bilden, herrscht kaum je Trubel.

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Stattdessen breitet sich am Ufer der Gracht „Witte Singel“ ein Hortus Botanicus aus. Dessen Prunkstücke – eine Trauerbuche aus dem Jahr 1818 und ein japanischer Walnussbaum aus derselben Epoche – strahlen eine majestätische Ruhe aus, die sich auf die umliegenden Straßenzüge überträgt. Und die weiß getünchte Holzbrücke über das Galgewater, die sich gemeinsam mit der Windmühle „De Put“ auf jedes Foto drängt, ach, ist das nicht der Inbegriff des Bilderbuchhollands?

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An Original-Artefakten aus vergangenen Zeiten mangelt es nicht. Die Händler auf dem Kunstmarkt von Delft bieten sie reihenweise an. Weiße Kacheln aus dem 17. Jahrhundert, die mit Mühlen oder verblassten Schlittschuhläufern bemalt sind. Der nahe Beestenmarkt zeugt derweil von der lebendigen Gegenwart: Unter einem Dach aus Platanen versammelt sich die Jugend, um Abend und Nacht zu genießen.

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Während die beiden Universitätsstädte unter den drei Grazien der Provinz Süd-Holland am Abend quicklebendig sind, gibt sich Gouda anders. Wenn die Sonne untergeht über dem Marktplatz, sitzen in den Korbstühlen der Cafés zwar noch vereinzelte Gestalten. Doch sobald sich das Abendlicht und die gelben Laternen in den Grachten spiegeln, ist es an keinem anderen Ort so einsam wie hier. Marktpatron Kroon mag diese Ruhe. Könnte er hier doch bloß Fußball spielen.

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Informationen:

Die drei Städte sind von Deutschland aus bequem mit dem ICE erreichbar. Ihre volle Pracht entfalten sie von Mai bis September, doch auch der Winter eignet sich bedingungslos für einen Kurzurlaub.

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Käsemarkt Gouda: an zehn Donnerstagen von Juli bis September, geöffnet von 10 bis 12.30 Uhr.
Botanischer Garten Leiden: Aushängeschild der Universität zwischen den Vorzeigegrachten „Rapenburg“ und „Witte Singel“. Täglich von 10 bis 18 Uhr.
„De Porceleyne Fles“: Königliche Porzellanmanufaktur. Herstellung und Verkauf von Delfts Blauw, große Ausstellung. Täglich von 9 bis 17 Uhr, im Winter sonn- und feiertags geschlossen.
Nieuwe Kerk Delft: Kirche aus dem 15. Jahrhundert, letzte Ruhestätte der königlichen Familie. Prächtiger Ausblick. Täglich außer Sonntag von 9 bis 18 Uhr, im Winter 11 bis 16 Uhr.

niederlande.de
delft.nl
vvvgouda.nl
leiden.nl

goudakaas.nl
hortus.leidenuniv.nl
royaldelft.com
nieuwekerk-delft.nl

Ralf Johnen, Januar 2014. Die Reise wurde teilweise von den Tourismusbüros Delft, Leiden und Gouda unterstützt.

2 Kommentare

  1. Heleen de Winter sagt

    In Gouda sind in 2014 insgesammt 21 Kasemarkte, 3 April bis zum 28 August (nicht am Christi Himmelfahrt). Jede donnerstagmorgen. In 2015 ab 2 April bis ende August.

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