Fußball, Maastricht, Oranje
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Wie auf LSD: Meine Begegnung mit Oranje

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Okay. Der Ball rollt. Die ersten Fehlentscheidungen sind getroffen. Und die Fans des Gastgebers haben es vorgezogen, ihre Tribünenplätze nicht für 90 Minuten in Anspruch zu nehmen. Schnee von gestern.

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Höchste Zeit für den Vizeweltmeister, ins Turnier einzusteigen. Höchste Zeit für eine Begegnung mit Oranje. Oder? In Holland sind sie sich da nicht so sicher. So wurde in der abendlichen Talkshow auf NOS Guus Hiddink gefragt, ob das Team nicht besser zuhause geblieben wäre. Und das lag nicht einmal am heutigen Duell gegen Spanien.

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Unsinn, meinte der bereits feststehende Nachfolger Louis van Gaals. Wer sich qualifiziert hat, soll auch spielen. Obwohl das Team so schwach ist, dass der Trainer sich dazu veranlasst sah, vom heiligen 4-3-3 abzurücken, um stattdessen mit einer Mauertaktik aufzulaufen: Blind, Martins Indi, Vlaar, de Vrij und Janmaat sollen die spanische Offensive bändigen.

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Nie von gehört? Kein Wunder. Bis auf Vlaar, der für das wenig glamouröse Aston Villa spielt, verdienen alle Verteidiger ihre Brötchen in der heimischen Eredivisie. Ebenso wie Torwart Jasper Cilessen. Und weil das so ist, traut man dem Team wenig bis nichts zu.

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Über die tatsächliche Stärke von Oranje allerdings sagt das wenig aus. Kommentatoren, Analysten und Schreiber nämlich kritteln notorisch an ihrer Mannschaft herum – anders als in Deutschland, wo auch nur eine gelungene Szene in einem Testspiel gegen, sagen wir, Armenien oder Albanien stets mit kraftvollen Prädikaten bedacht wird: „überragend“ oder „Weltklasse“ schallt dann unermüdlich aus den Lautsprechern.

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Nicht so in Holland. Wird in der Vorbereitung gegen Ghana (1-0) oder Wales (2-0) gesiegt, schreiten die Defätisten zur Tat: „Louis“, heißt es dann, „gewonnen heute Abend. Aber es war nicht zum Aushalten. Wie erklärst du das?“.

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Der kapriziöse Bondscoach weiß, dass er und die Spieler sich nun dafür verantworten müssen, die holländische Fußballschule mit ihrer Kernidee des vorbehaltlosen Angriffs und totaler Ballkontrolle nur unzureichend umgesetzt zu haben. Er antwortet auf die Anfeindungen nicht selten mit einem amüsanten Tobsuchtanfall. Auf eine erneute Erklärung seiner Philosophie verzichtet er gemeinhin.

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Van Gaal will gewinnen, statt sich in Eitelkeit zu sonnen. Also stellt er gegen Spanien fünf Männer hinten rein. Und er weiß: Wenn der Ball nach vorne kommt, warten dort Robben und van Persie. Und sollte einmal ein Rückstand aufgeholt werden müssen, hat er immer noch Klaas Jan Huntelaar.

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An den Fans geht die Diskussion scheinbar spurlos vorbei. Zumindest äußerlich, denn der Anhang lässt sich durch die Systemdebatten und die vermeintliche Schwäche der Abwehr nicht davon abhalten, eine typisch holländische Party zu feiern. Zu einer Begegnung mit Oranje gehören: Monochrome Outfit, Blaskapellen, Humor – und ein gewisser Hang zu Trash und Camp und Selbstironie.

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Die Innenstädte jenseits der Grenze sind schon im Vorfeld des Ereignisses gebührend mit Bällen, Fahnen, Transparenten, Flaggen, Plakaten und so weiter dekoriert. Kaum ein Einzelhändler nimmt sich heraus, auf kuriose Aktionen zu verzichten.

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Allerdings nimmt der Oranje-Wahn zuweilen beängstigende Ausmaße an: Die Hyacintenstraat im Westen von Maastricht ist komplett maskiert. Als ich hindurchgehe, fühle ich mich einer Bewusstseinsstörung nahe, als hätte mir jemand LSD verabreicht.

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Pokale und Parolen zieren die orangefarbenen Fassaden. Dazu Klompen, Hammer und rotweißblaue Knüppel. Zu meiner Beruhigung sehe ich, dass die Konkurrenz nicht augeschlossen wird: An einer Hauswand hängt gar ein Poster der deutschen Nationalmannschaft.

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Während ich am Tage des Eröffnungsspiels blinzelnd durch die Gegend laufe, werde ich von einem kleinen Jungen angesprochen. Er ist ungefähr sechs Jahre alt und dreht unbekümmert ein paar Runden mit seinem Bonanza-Rad. Was ich hier mache, möchte er wissen. „Ich wollte mal schauen, wie die Stimmung so ist“, antworte ich.

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„Naja“, sagt der Knirps. „Es ist ganz schön kommerziell geworden.“ Vor zwei Jahren bei der EM sei es viel cooler gewesen. Trotz des vorzeitigen Abgangs von Oranje. Dann ergänzt er: „Es wird Zeit, dass es endlich losgeht.“ Ich nicke zustimmend. Lasset den Ball rollen.

Ralf Johnen, 13. Juni 2014. Bilder: Ralf Johnen, Frida van Dongen (1)

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